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Wissenschaftliche Erkenntnisse machen deutlich: Nikotin ist weit weniger ungesund als allgemein angenommen

Rauchen schadet der Gesundheit, soviel ist gewiss. Jährlich sterben allein in Deutschland nach offiziellen Statistiken über 120.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Tabakkonsums. Doch hinsichtlich der Frage, welche Risikofaktoren im Einzelnen zu den gesundheitlichen Gefahren des Rauchens auf besondere Weise beitragen, scheint häufig Unklarheit zu herrschen. Irrtümlicherweise wird in diesem Zusammenhang oft auch auf die vermeintlich zentrale Rolle von Nikotin verwiesen.

Nikotin wird zu häufig mit den gesundheitsschädigenden Folgen des Rauchens gleichgesetzt

Über Jahrhunderte hinweg war das Rauchen von Tabakpflanzen die einzige bekannte und interkulturell verbreitete Konsumform, um Nikotin aufzunehmen. Nikotin wurde somit über einen langen Zeitraum mit dem Rauchen von Tabak gleichgesetzt. Studien konzentrierten sich folglich ausschließlich auf die Schädlichkeit von verbrennbarem Tabak, nicht jedoch auf die gesundheitlichen Konsequenzen einer körperlichen Aufnahme von Nikotin auf alternativen Wegen. Die wichtige Differenzierung zwischen dem Rauchen von Tabak und der bloßen Aufnahme von Nikotin wurde somit auch im wissenschaftlichen Kontext lange schlichtweg vernachlässigt und führte dazu, dass sich dieses fehlerhafte Wissen vielerorts bis heute festsetzen konnte. Ein Großteil der Bevölkerung ist daher auch heute noch der Ansicht, dass Nikotin nicht nur süchtig macht, sondern darüber hinaus auch Krebs, Herz- und Lungenerkrankungen verursacht und somit unmittelbar für die gesundheitlichen Folgen des Rauchens verantwortlich ist. Diese ebenso populäre wie fehlerhafte Annahme wird, wie eine aktuelle Studie nun zeigt, jedoch keineswegs nur von Laien, sondern auch von medizinischem Fachpersonal wider besseres Wissen und entgegen gesicherter wissenschaftlicher Evidenz weitläufig vertreten.

Nikotin spielt hinsichtlich der Gesundheitsrisiken des Rauchens lediglich eine Nebenrolle

Tatsächlich ist Nikotin in Kombination mit den weiteren Verbrennungsprodukten der im Tabakrauch enthaltene Wirkstoff, welcher hauptsächlich für das Suchtpotenzial des Rauchens verantwortlich ist. Dennoch ist Nikotin nach übereinstimmender wissenschaftlicher Meinung nicht per se krebserregend und steht daher auch nicht auf der Liste karzinogener Substanzen der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation.
Es sind hingegen die zahlreichen beim Rauchen entstehenden Verbrennungsstoffe, welche zu kardiovaskulären Erkrankungen und zu Krebs führen. Auch die Suchtgefahr scheint durch die Kombination dieser Aerosole mit dem Nikotin deutlich größer zu sein, als wenn reines Nikotin aufgenommen wird. Wissenschaftlich ist also klar, dass Nikotin hinsichtlich der gesundheitlichen Gefahren des Rauchens eher eine nebensächliche Rolle spielt. Die fehlerhafte Annahme, dass Nikotin in zentraler Weise ursächlich für die gesundheitsschädigenden Konsequenzen des Rauchens ist, hält sich dennoch hartnäckig.

Studie zeigt: fehlerhaftes Wissen um die Gefahren von Nikotin auch bei Ärzten weit verbreitet

Eine kürzlich im Journal of General Internal Medicine veröffentlichte Studie zeigt nun, dass selbst die meisten Spezialisten aus eben jenen medizinischen Fachgebieten, welche die gesundheitlichen Konsequenzen des Rauchens unmittelbar behandeln, der fehlerhaften Meinung sind, dass die bloße Aufnahme von Nikotin zu Krebs, Herzerkrankungen und chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) beiträgt. Ein Forschungsteam von Rutgers befragte in diesem Zusammenhang zwischen September 2018 und Februar 2019 mehr als 1.000 Fachärzte aus den Bereichen der Inneren Medizin, Kardiologie, Lungen -oder Intensivmedizin sowie Hämatologie und Onkologie. Die Ergebnisse sind schockierend. In Kombination der Ergebnisse aller Ärzte sind 83 Prozent der Überzeugung, dass Nikotin direkt zu Herzerkrankungen beiträgt, und 81 Prozent glauben, dass Nikotin zur COPD beiträgt. Zudem sprechen 77,2 Prozent der Krebsspezialisten dem Nikotin eine karzinogene Wirkung zu und mehr als zwei Drittel der Lungenspezialisten glauben, dass Nikotin die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer COPD erhöht. Zudem beschuldigen auch 86,8 Prozent der Kardiologen aus wissenschaftlicher Sicht fälschlicherweise dem Konsum von Nikotin, zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen beizutragen.

Missverständnis um Nikotin hat gefährliche Folgen für medizinische und gesundheitspolitische Strategien

Nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern auch ein großer Teil der Ärzte haben demnach ein mangelndes Verständnis der gesundheitlichen Risiken von Nikotin und sprechen diesem somit fälschlicherweise zahlreiche negative Konsequenzen für die Gesundheit zu. Dieser Irrglaube hat weitreichende negative Konsequenzen auf individuelle medizinische Interventionen und gesundheitspolitische Strategien gleichermaßen.
Von vielen der, aus ausgewiesenen Fachgebieten stammenden, befragten Ärzte wird routinemäßig erwartet, dass sie rauchbedingte Krankheiten wie Krebs, COPD und Herzerkrankungen zu behandeln sowie deren Risikofaktoren präzise und korrekt einzuschätzen wissen. Eine derartige Fehleinschätzung hinsichtlich der gesundheitlichen Risiken von Nikotin bedeutet folglich, dass diese auch das relative Risiko von Nikotinersatztherapien wie Pflastern, Kaugummis oder E-Zigaretten gegenüber dem Rauchen von Tabak fehlerhaft einschätzen und somit den von ihnen betreuten Personen potentiell schlechte Ratschläge geben.

Informationskampagnen für evidenzbasierte Gesundheitspolitik gefordert

Entsprechend resümiert auch der Co-Autor der Studie, Michael B. Steinberg, Medical Direktor des Rutgers Center for Tobacco Studies und Chef der Inneren Medizin an der Rutgers Robert Wood Johnson Medical School, dass

Ärzte das tatsächliche Risiko des Nikotinkonsums verstehen [müssen], da sie für die Verschreibung und Empfehlung von zugelassenen Nikotinersatztherapieprodukten von entscheidender Bedeutung sind, um Patienten zu helfen […]“.

Die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens von Tabak dürfen daher nicht länger einfach auf undifferenzierte Weise mit den nachgewiesenermaßen gesundheitlich weit unbedenklicheren Methoden zur Nikotinaufnahme, wie Pflastern und E-Zigaretten, gleichgesetzt werden. Das aktuell vielerorts auch in medizinischen Fachkreisen noch anhaltend mangelhafte Verständnis der gesundheitlichen Risiken von Nikotin ist eine akute Gefahr für die öffentliche Gesundheit, der es mit gezielten Informationskampagnen entgegenzuwirken gilt.

Quelle: https://link.springer.com/article/10.1007/s11606-020-06172-8